#MarktAnalyse: Warum einfach alles am iPhone X falsch ist

Apple hat also am gestrigen Abend sein neues iPhone X vorgestellt. Es wurde angekündigt als der nächste große Schritt im Bereich der Smartphones. Und damit sind wir auch gleich beim Problem.

Ich möchte heute nicht darüber reden, dass es Handys anderer Hersteller mit besserer Auflösung gibt, mit mehr Megapixel, mit mehr Akkuleistung oder einer Kopfhörerbuchse. Ich möchte auch nicht darüber reden, das Apple sich nach wie vor als Software-Firma versteht und sicher die Technik genial ausnutzt, viele Innovationen hat und die Gesichtserkennung beeindruckt.

Apple ist keine schlechte Firma und das iPhone X ist kein schlechtes Telefon. Daran ist einfach nur alles falsch.

Apple Marketing Bild des iPhone X mit dem Titel "Sag der Zukunft hallo"

Wenn ihr mir zeigt, wo sie ist, gerne.

Quatsch mich nicht an!

Während ich mich in diesem Jahr auf der IFA umgeschaut habe, kam mir irgendwann der Gedanke: Kann es sein, dass wir zwar eine enorme Rechenleistung auf enorm kleine Chips bekommen – aber einfach keinen Plan haben, was wir damit tun sollen?

Da quatschen mich Kühlschränke an, die Waschmaschine redet wiederum mit meinem Smartphone und für 100€ kann ich mir von meiner Stirn meine Körpertemperatur ablesen. Es mag sein, dass jetzt einige von euch denken: Joah, das könnte ich mir gut vorstellen mal zu nutzen. Aber es geht um etwas anderes.

Welches der Probleme wird wirklich gelöst, wo wird uns wirklich etwas abgenommen? Die Waschmaschine befreite uns davon, alles tagelang mit der Hand auf dem Waschbrett zu schrubben. Dass ich sie nun von unterwegs anschalten kann, ist vielleicht noch für den einen oder anderen Selbstausbeuter nett – aber ist das wirklich Fortschritt? Wer durchleidet Höllenqualen beim Waschen seiner Wäsche und kann das dank des Smarthomes nun endlich ohne Schmerzen tun?

 

Probleme, die keiner hat

Die StartUp-Szene hat seit Jahren das Problem, dass sie Lösungen zu Problemen präsentiert, die nur wenige wirklich so sehr bewegen, dass sie bereit sind, das Ersparte draufzuschmeißen. Yogamatten aus Müll. Getränke aus Algen. Ein Restaurant-Bestell-Leucht-Würfel. Bitte was läuft hier schief?

Das original iPhone hat Telefonen gezeigt, was sie wirklich wollen. Keine Tastatur, Multi-Touch, (günstige) Apps, gute Kamera, MP3-Player, Push-Benachrichtigungen, In-App und Werbe-Finanzmodelle, etc. Wenn Apple sagt, dass Steve Jobs Wunderprodukt aus 2007 alles verändert, genormt und bestimmt hat, dann haben sie den Mund nicht zu voll genommen – es stimmt einfach!

Aber wenn sie uns sagen, dass das iPhone X das nun für die nächsten zehn Jahre tun soll, bekomme ich echt Angst. Wisst ihr noch, als die Telefone erst immer kleiner wurden, bis es fast absurd war und die Smartphones alles überschatteten? Die Autoindustrie versucht seit 80 Jahren den Verbrennungsmotor immer wieder neu zu erfinden, dabei liegen seit den 20ern die E-Motoren in der Schublade. Jetzt kramt man die wieder aus und widmet sich widerwillig echtem Fortschritt.

 

We call it: iPhone guesswork

Können wir mal ganz kurz aufwachen und uns eingestehen, dass eine leicht verbesserte Gesichtserkennung und wenige Millimeter mehr Bildschirm an den Rändern nichts ist, was uns produktiver, effektiver oder innovativer macht? Es gibt Multi-Milliarden-Dollar Konzerne allein basierend auf der Innovation des App-Stores. Das Google das mittlerweile kopiert und aus meiner Sicht viel besser weitergeführt hat, ist lediglich unschön für den Apple-Jünger.

Apples MacBooks haben statt einem Touch-Screen eine „we call it touch bar”. Der Durchbruch der kabellosen Kopfhörer lässt immer noch auf sich warten. Und wer die beste Kamera will, den höchstauflösendsten Bildschirm, den schnellsten Prozessor oder irgend einen anderen Superlativ, der wird bei Apple nicht fündig.

 

Wir können das auch. Nur anders.

Vielleicht muss er das auch nicht. Viele kommentieren, dass mit dem iPhone X endlich das Telefon nicht immer größer wird, weil der wegfallende Rand eben genau das tut: wegfallen. Es ist kleiner als die Flaggschiffe der Konkurrenz, vielleicht auch leichter.

Am Ende ist es aber maximal das: Alles ein bisschen besser. Es wird bei den Großen in Redmond, Mountain View und Cupertino im Hintergrund wie wild rund um künstliche Intelligenz, AR/VR und Cloud-Diensten geforscht. StartUps werden aufgekauft wie es Sand am Meer gibt. Und Worte wie „next big thing“ und nun auch „one more thing“ verlieren vollkommen ihren Reiz.

Hat Apple in einigen Aspekten die Konkurrenz übertrumpft, wie einige schreiben? Kann sein. Ist der Bildschirm und die Kameras wirklich Jahre voraus, sodass andere wieder viele Hausaufgaben haben? Kann auch sein. Aber wollen wir uns alle mal kurz hinsetzen, ausatmen und uns fragen: Wozu tun wir das alles?

Firmen mit enorm vielen Mitarbeitern, mit enormer Bündelung der klügsten Köpfe und nicht zuletzt enormen Ressourcen leben in ständiger Panik, irgendeinen Markt zu verpassen, Analysieren sich kaputt und rufen mit jeder neuen App die next generation aus. Bei allem bleibt auf der Strecke, warum wir das eigentlich alles tun.

 

Ein neues tool? Gleich mal ausprobieren!

Als ich mal einen Kurs in InDesign bekommen habe, meinte der Trainer, es sei ja eigentlich dämlich, dass er uns das alles beibringe, wo er doch selber Grafiker von Beruf ist. Aber er machte uns auf einen entscheidenden Unterschied aufmerksam: Wir fragen uns, was uns die Technik erlaubt. Er hat eine Vision im Kopf und beherrscht die Technik, dass sie ihn darin unterstützt. Während wir mit jedem Update von Creative Cloud die neuesten Gimmicks ausprobieren, denkt er schon an das Corporate Design von Morgen.

Steve Jobs war ein Mensch voller Widersprüche und hat viele Fehler gemacht. Er hat sich aber nie gefragt, was denn die Konkurrenz macht, was technisch möglich ist oder was die Leute wollen. Er eckte vor allem darin an, dass er immer wieder erklärte, was Menschen wirklich brauchen. Davon war er besessen und jede Verbesserung diente dem Erreichen dieser Vision.

 

Vision ohne Barrieren

Der Apple II konnte keine externen Programme installieren, sodass ihm die Konkurrenz u.a. von Microsoft übertrumpfte. Jobs war aber der Meinung: Die Menschen wollen ein geschlossenes System, was man um die notwendigen Funktionen ergänzt, aber ansonsten vor allem einfach zu bedienen ist. Mit dem iPhone hat er diese Vision formvollendet. Und er hat recht behalten. Was würdest du deiner Mama geben: Ein iPad oder einen Lenovo-Business-Laptop?

Als George Lucas sein Star Wars umsetzen wollte, gründete er mit Industrial, Light and Magic und Skywalker Sound die Grundpfeiler der digitalen Filmtechnik. Er fragte sich eben nicht, was die Technik kann. Er hat Technik darum herum erfinden lassen, was er im Kopf hatte.

Apple präsentierte das iPhone X als ein Gerät, was technisch ganz toll ist und echt nette Dinge kann. Steve Jobs sagte 2007: „Ein iPod, ein Telefon und ein Internetgerät. Versteht ihr? Das sind nicht drei Geräte. Es ist alles in einem!“

 

Zurück zum Papier!

Da ich kein Technik-Visionär bin, unterlasse ich jetzt Prognosen, was „der Markt“ 2017 wirklich braucht. Aber wir müssen aufhören, vor diesen Chips zu sitzen und uns zu fragen, was man damit noch so alles machen kann. Gehen wir zurück aufs weiße Papier und fragen uns: Was wäre wirklich wünschenswert? Und dann – so war es immer – wird es Menschen geben, welche die notwendige Technik drumherum erfinden.

Ich bin kein Fanboy, wenn überhaupt von Windows Phone und wer das noch verteidigt, hat selber schuld. Ich hasse Apple auch nicht, ich habe meine iPods immer geliebt. Vieles, was ich hier am iPhone X kritisiere, könnte ich an jeder anderen Firma kritisieren. Aber ist es am Ende nicht genau das, was so wehtut: Sich einzugestehen, dass Apple auch nur ein ganz normaler Tech-Konzern ist? Und das iPhone X einfach nur ein Spitzentelefon mit Vor- und Nachteilen, wie die Konkurrenz?

Deshalb ist einfach alles an ihm falsch.

 

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