Die Generation Warum

Sich selbstständig zu machen ist ein enormer Schritt. Viele denken darüber nach, nur wenige gehen ihn wirklich. Dabei eint unsere Generation eine ganz entscheidende Sache: Wir können es uns leisten, permanent zu fragen: Warum?

Man kennt das von kleinen Kindern: Irgendwann kommen sie in ein Alter, in dem sie permanent Warum fragen. Und selbst wenn man es dann erklärt, kommt noch einmal Warum. Irgendwann landet man unweigerlich an einem Punkt, wo man tief in die Teilchenphysik eintaucht und am Ende doch nur sagen kann: Das ist einfach so. Na, weil es so ist. So und jetzt muss der Papi auch mal auf die Toilette…

Eine besondere Generation

Irgendwann hört diese Phase auch wieder auf. Lange Zeit war ein Garant für Erfolg, die Dinge hinzunehmen wie sie sind und eher zu schauen, wie man sich mit Ist-Stand arrangieren und das Beste für sich draus machen kann. Deutschland ist das Land mit den meisten abhängigen Beschäftigungsverhältnissen in Europa, Beamtentum und Pension sind der wahre Heilige Grahl.

Zumindest bis zu meiner Generation, in den Medien gerne Millennials genannt. Gemeint sind alle, die irgendwann in den 90ern ihre erste Warum-Phase hatten und noch nicht der Schulbank entfleucht sind. Diese, meine Generation ist eine ganz besondere Generation. Unser ständiges Fragen nach dem Warum und dem ‚Was will ich?‘ ist ein Luxus, den sich heute so enorm viele Menschen herausnehmen können wie wahrscheinlich noch nie in der Geschichte.

Zu viel Zahnpasta

Immer mehr müssen sich keine Sorgen machen, ob der Kühlschrank morgen noch was bietet, ob die Heizung noch geht, das Dach dicht ist und – ganz wichtig – das W-Lan stabil läuft. Wir sind befreit vom Überlebenskampf und doch ist es eine Bürde: Nichts zu akzeptieren, nichts hinzunehmen und die volle Freiheit zu haben, losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen, von Zünften und Klassen löst nicht selten die pure Überforderungssituation aus.

Als ich vor Jahren das erste Mal ganz für mich alleine klarkommen musste, stand ich da vor diesem Regal mit Zahnpastatuben und dachte mir: Verdammt, ich will doch eigentlich nur Zahnpaste kaufen! Woher sollte ich denn wissen, welche ich jetzt will? Ich glaube, ich habe dann die gekauft, welche meine Eltern immer genommen haben.

Das Leben ist eine Ponyhof-App

Genau diese Orientierungslosigkeit ist das Problem der Generation Warum: So, wie wir leben und leben können, konnte es die Wenigsten vor uns. Und auch wenn unsere Eltern immer behaupten, sie wollen, dass es uns mal bessergeht, meinen sie damit aber nur sehr selten, dass wir etwas radikal anders tun. Sie hatten gehofft, wir würden mal etwas mehr Geld verdienen oder einen besseren Beruf ergreifen. Dass wir nun aber als Selbstständige an einer App für die besten Ponyhöfe arbeiten, war damit nicht gemeint.

Oftmals sprengen wir einfach den Rahmen dessen, was unsere direkten Vorväter und -mütter sich vorstellen können. Dank der digitalen Vernetzung können sowohl wir als auch unsere Kunden weltweit leben. Mir haben immer wieder befreundete Unternehmende berichtet, dass ihren Eltern nicht nur kein Verständnis haben – sie nehmen es ihnen vielmehr richtig übel. Denn wir sind mitunter nicht nur erfolgreicher, sondern auch glücklicher. Und eine Generation, für die das Leben kein Ponyhof sein darf, ist eine App für Ponyhöfe der ultimative Tritt in die Fortpflanzungsorgane.

Eine schöne neue Arbeitswelt

Gerade unsere Eltern sind aber nach wie vor für viele die größten Vorbilder und Berater. Wenn sie uns nicht das Gefühl geben, dass sie an uns glauben, ist es sehr schwer, an uns selbst und unsere Ideen zu glauben. Wir müssen aber begreifen, dass deren Vorstellungen von Planbarkeit oder Sicherheit nicht mit der realen Arbeitswelt in Einklang zu bringen sind.

Zum einen liegt das daran, dass es keine sicheren Jobs mehr gibt. Niemand von uns wird 40 Jahre im selben Betrieb arbeiten und sich dann einfach in die Rente kuscheln. Rente gibt’s bis dahin eh nicht mehr und die großen Werkshallen gibt es schon in wenigen Jahren auch nur noch für Roboter. Dazu schaffen Apps das mittlere Management ab und verhindern somit Aufstiegschancen. Das können sich die allermeisten zwar nicht wirklich vorstellen, aber das ändert nichts an den Fakten.

Zum anderen aber gehen seit Jahren die Zahlen für Burnouts und entsprechende Psychopharmaka an die Decke – und zwar exponentiell, nicht linear. Mögen wir noch oft genug argumentieren, das sei eben so: Arbeit macht immer mehr Menschen in Deutschland krank. Ich kenne einige, welche es finanziell eigentlich geschafft haben, die aber voller Unglück in ihren Reihenhäusern hocken und sich nur noch im Hobbykeller die kleinen Freuden gönnen.

Berufliches Glück

Das Streben nach beruflichem Glück ist also nicht ein unverschämter Luxus, sondern die unmittelbare Konsequenz aus dem Leben unserer Eltern und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dass man mittlerweile für absolute Nischenprodukte weltweit Kunden finden kann ist eben nicht nur nett, es ist eine der wenigen Optionen, überhaupt noch die Ware menschlicher Arbeitskraft in Finanzmittel umzuwandeln.

Sich beruflich glücklich zu machen heißt für mich, sich selbst und seine Vision zu verwirklichen. Aus tiefster Überzeugung und um als Teil der Gesellschaft geben zu wollen. Ein Problem zu erkennen und sich zu denken: „Hey Moment, das kann ich lösen.“ Wirtschaft ist nicht gleich Wirtschaft. Die große Chance von uns Millennials besteht darin, aus unseren Rahmenbedingungen etwas zu machen, was noch unseren Eltern verwehrt war: Ohne Existenzängste mutig in die Zukunft zu gehen.

Angst überwinden

Dieser Mut erlaubt uns fortan, permanent nach dem Warum zu fragen. Nicht nur beruflich: Beziehungen können ständig hinterfragt werden, das gesellschaftliche Engagement, Freundschaften. Was uns nicht erfüllt, kann weg. Das verstehen nur wir Millennials, aber das soll uns nicht weiter stören. Vielmehr können wir dankbar sein für alle, die vor uns kamen und die es uns ermöglicht haben, das eigene Leid auf ein so geringes Maß wie nötig zu halten. Daraus nichts zu machen, wäre die eigentliche Gesäß-Fuß-Beziehung.

Es muss sich also niemand schlecht fühlen, wenn er oder sie niemals zufrieden ist. Wenn die eigenen Ziele niemand verstehen will, wenn man ständig für einen Träumer oder einen Schaumschläger gehalten wird oder man sich selbst immer wieder fragt, ob das eigene Ziel überhaupt realistisch ist. Unsere Zukunft ist derart ungewiss und vage, da ist Angst – ob nun die eigene oder die der Eltern – ein völlig normaler Reflex.

Diese aber zu überwinden bedeutet, sich bewusst den Herausforderungen zu stellen. Wir haben die Freiheit aber auch die Notwendigkeit, uns permanent zu fragen Warum. Das eigene Handeln muss niemand verstehen, außer man selbst und man sollte auch keine andere Antwort erwarten als die eigene.

 

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