Die Kommentarspalte als Zukunft des Journalismus

Wie können Zeitungen durch das Internet eine Zukunft haben? Wo man bei manchen Themen lieber ein paar Schritte Abstand nimmt, um von außen das Thema besser zu erfassen, ist im Falle des Journalismus genau umgekehrt: Die Antworten liegen direkt vor uns – in den Kommentarspalten.

Internet-Blogs haben zwei Probleme: Entweder überhaupt keine Kommentare, sodass sich niemand traut der oder die Erste zu sein oder viel zu viele Kommentare, sodass erst gar keine ernsthafte Diskussion entsteht. Für die Zukunft des Journalismus ist Letzteres von Interesse.

An wen richten sich Kommentare?

Die meisten Nachrichtenseiten haben immense Probleme mit einer unfreundlichen oder konterproduktiven Atmosphäre, welche ein direktes Ergebnis von isoliertem Kommentieren ist. Wenn man gehört werden möchte, muss man besonders laut sein. Aber es bringt einfach nichts, wenn man dann wie ein Verrückter den Trollen hinterherjagt – ohne geprüft zu haben, inwieweit das eigene Format solch ein Verhalten schlichtweg heraufbefördert hat.

Wut hat ein Motiv. Artikel können einen enormen Einfluss auf Menschen haben. Viele Kommentare sind daher direkt an die Autoren gerichtet – fast nie entsteht eine konstruktive Diskussion unter den Lesenden. Die welche schreiben, verbinden es allzu oft mit der Hoffnung, den Text damit zu beeinflussen. Sie wollen, dass der Artikel verändert wird oder künftige Artikel die eigene Sichtweise berücksichtigen und somit beeinflussen, wie die Autoren denken und fühlen.

Genau wissen, welche Kommentare man will

Ein moderner Kommentarbereich muss genau wiederspiegeln, was von ihm erwartet wird. Es einfach jedem zu ermöglichen, hintereinander weg irgendetwas zu schreiben bringt niemandem etwas – und ist der sicherste Methode, um Wut zu befördern. Wenn man Reaktionen der Lesenden möchte, muss man genau dies bewusst fördern. Wenn man eine vielmehr eine Diskussion der Lesenden untereinander starten will, dann eben das.

So können wir eine Verbindung zwischen Journalismus und dem Wunsch nach Partizipation erreichen. Artikel sind nicht länger monolithische Kunstwerke, welche man noch Jahrzehnte später analysieren wird. Ein digitales Produkt kann vielmehr unendlich verändert werden. Ein moderner Artikel ist eine Momentaufnahme, welche sogleich zur Debatte steht. Deshalb müssen Artikel flexibler werden und offen dem Einfluss von außen gegenüberstehen.

Alte Rahmen sprengen

Wir wissen doch bspw. alle, wie Bücher auf Amazon bewertet werden. Ein 300-Seiter wird in wenige Worte zusammengefasst, oft nicht mehr als ein hochgradig emotionaler Fünfzeiler. Ist das wirklich wertvoll? Wie sähe es aber aus, wenn man direkt nach einem Absatz, einer Seite oder einem Kapital kommentieren könnte? Ein Blogartikel ist kein Stück Papier, bei dem es nur Platz am unteren Ende gibt. Das Kommentieren kann mitten im Geschehen passieren, auch bildlich gesprochen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr ins technische Detail gehen, da sind andere deutlich wissender als ich. Ich bin allerdings überzeugt, dass man auf diese Weise die Anzahl an Kommentaren, die tatsächlich hilfreich und aussagekräftig sind, multiplizieren kann. Kommentierende müsste sich entscheiden, auf welche Stelle des Textes sie tatsächlich Bezug nehmen wollen.

Das bekommen, was man selber gesucht hat

Ein Artikel würde somit zur Blaupause für den Nächsten, für den das Feedback somit unabdingbar ist. Ebenso sollte das „Operieren am lebenden Patienten“ ermöglicht werden. Die Videospielindustrie hat diesen Schritt beispielsweise schon vollzogen. Mit dem Erscheinen eines Spiels liegt noch jede Menge Arbeit vor den Programmierern.

Auch der Journalismus sollte diesen Weg einschlagen. Es geht um Möglichkeiten, die eigenen Beiträge durch Feedbacks von Nutzenden zu verbessern. Ich kenne das von mir, manch Autor klebt an jeder Zeile. Aber in noch jeder Redaktion wurden meine Artikel tatsächlich deutlich verbessert, auch wenn ich das zunächst nicht wahrhaben wollte. Den perfekten Artikel gibt es schlichtweg nicht, Pulitzer hin oder her. Es soll ja vor allem darum gehen, was man sich selber gerne annehmen will. Es geht nicht um die Unterwerfung unter die Meinung von Fremden, sondern um die Hinweise und Ideen, auf die man selber nicht gekommen ist, es aber gerne wäre. Die eigene Lesendenschaft wird mit der Weile auch ein Gefühl dafür bekommen.

Niemand zahlt mehr für Inhalte

Da das Zeitalter der Werbefinanzen sich langsam dem Ende neigt, muss es auch um eine weitere Möglichkeit der Monetisierung sehe. Ich glaube nicht daran, dass man Menschen dazu umerziehen kann, wieder anzufangen für Journalismus zu bezahlen, erst Recht nicht online. Selbst wenn all die Branchen-Größen gleich morgen eine enorme Bezahlschranke hochziehen würden, würden die Leute nur auf Blogs ausweichen, was sie in Zeiten des Postfaktischen ohnehin schon tun.

Aber wir brauchen professionellen Journalismus und verlässliche Quellen. Wir müssen es uns leisten, dass Menschen davon leben können, sich in Storys reinzuknien und allen Hinweisen nachzugehen. Auch hier zeigen andere Branchen, wie es gehen kann. Musik kommt in aufwendigen Schachteln mit dicken Booklets und kann jederzeit unumständlich auf diverse Geräte überspielt werden, Filme kommen in Blu-Ray, DVD und mit Downloadgutschein inkl. vieler Specials in einer Box. Die Branche hat gelernt: Wer Service bietet, bekommt auch das Geld.

Generell geht der Trend weg vom Besitzen eines Gegenstandes, hin zum Kaufen einer Leistung. PC-Software ist schon seit Jahren nur noch eine Lizenz, aber auch Drucker gehören uns rechtlich schon lange nicht mehr. In wenigen Jahren scheint das auch auf immer mehr Autos zuzutreffen und früher oder später auf so ziemlich alles. Auch Videospiele kann man sich mittlerweile komplett kostenlos auf YouTube ansehen – nur wer selber spielen will, muss zahlen.

Kommentare als Service, Lesende als Partner

Wer nur lesen will, wird das weiterhin kostenlos tun – dahinter gibt’s auch kein Zurück mehr. Es muss daher um eine Option gehen, die es bis jetzt noch gar nicht gibt: Das Mitwirken. Wer mitdiskutieren will, zahlt für den Aufwand, den er den Autoren und Technikern damit bereitet. Die Berichterstattung wird die Grundvoraussetzung, ein Produkt überhaupt wahrnehmen zu wollen.

So kann die Leserschaft zum Partner werden. Jeder Klick hilft beim SEO und in den Timelines der sozialen Netzwerke und jeder Kommentar hilft den Autoren und der Finanzabteilung. Wenn ich wirklich Einfluss habe und sich vielleicht noch weitere Service-Inhalte dazugesellen, die mir auch noch viel Zeit abnehmen, entsteht ein Gesamtpaket, für das ich gerne zahle.

Ob ich nun Recht habe, wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Aber fest steht: Die derzeitigen Formen des Journalismus sind kaum zu halten. Es gibt eigentlich nichts mehr zu verlieren.

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