Das Problem Multi Level Marketing

Schneeballsystem, Ausbeuterladen, Verblendungsmaschine – an Kritik mangelt es dem Multi Level Marketing nicht. Gleichzeitig spaltet diese Kritik, denn viele wissen zu berichten, dass es ihnen sehr gut getan hat. Für nicht wenige ist es ein Einstieg in die Selbstständigkeit – aber genau damit habe ich meine größten Probleme.

Ich möchte Multi Level Marketing (MLM; auch Network Marketing) aus einer ganz anderen Richtung beleuchten. Mir geht es um mein Grundverständnis, was Unternehmertum eigentlich ist. Was es kann, was es sollte und was es muss. Das geht grundsätzlich gegen die Vorstellung, dass Direktvertrieb etwas mit Selbstständigkeit und Freiheit zu tun hat. Wer eine andere Form der Anstellung sucht, kann u.U. eine Alternative finden, aber eben auch nicht mehr.

Kritik an der Sache

Dabei möchte ich vorab deutlich sagen, dass es mir überhaupt nicht gegen Menschen oder ihren Werdegang oder Erfahrung geht. Meine Kritik richtet sich vollumfänglich an die Methode, ihr Grundprinzip und ihre Zielrichtung. Ich bin überzeugt, dass Menschen innerhalb eines MLM-Systems mitunter eine verdammt schöne Zeit hatten, das sie sich weiterentwickelt haben, zu sich gefunden. Ich möchte niemanden seine Lebensbiographie verklären oder behaupten, es müsse ihm besonders mies gegangen sein.

Es gibt sicher viele Leute, die etwa Fans des HSV sind, die sich dadurch kennengelernt haben, sich weiterentwickelt haben, etc. Deshalb finde ich den HSV dennoch von seiner ganzen Organisation und Struktur nur noch hochnotpeinlich. Auch Justin Bieber Fans werden sicher nicht nur den ganzen Tag weinen (na gut, doch^^), aber deswegen macht der Kerl noch lange keine gute Musik. Aber wenn ich sage, HSV und Bieber sind doof, werden mir deren Fans das übelnehmen – sie meinen aber oftmals sich selbst und ihre Zeit und trennen das nicht von dem, was ich eigentlich kritisieren will.

 

Vorgetäuschte Freiheit

Wenn mir also beschrieben wird, welche enorme Entwicklung jemand durch MLM gemacht hat, stelle ich mir die Frage, warum er die nicht woanders bekommen hat. Ich denke, es gibt ein Interesse der Leute hinter MLM, ihre Zöglinge zu pushen. Wenn man auf deren Internet-Seiten schaut, dann geht es weitestgehend vorrangig wohl auch um das: Gute Stimmung, gute Leute, gute Themen. Die Produkte findet man erst nach vielen Klicks.

MLMs versprechen aber auch eine Freiheit, die Ausdruck unser heutigen Kultur ist: Eine vorgefertigte Freiheit in sicheren Bahnen. Egal ob Jurassic Park 4, Fluch der Karibik 5 oder Fast and Furious 8: Wir suchen Das Neue im Bekannten, im Erwartbaren. Wir wollen das Positive an Überraschungen multiplizieren, in dem wir die Überraschungsmomente wiederholen wollen. Wir wollen uns das Schöne von Früher buchstäblich wieder-holen.

 

Doch genau das ist für mich nicht die Aufgabe des eigenen Unternehmens.

Nicht zu wissen, was kommt / Nur durchzuhalten, weil man als einziger überzeugt ist / Im Nebel zu stochern / Sich selbst zu überraschen / Seiten an sich zu entdecken, die man für unmöglich hielt / die Komfort-Zone zu verlassen / zu scheitern, zu verzweifeln, Angst zu haben / aus jeder Krise gestärkt hervorzugehen: 

Das ist für mich Unternehmertum.

Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein.

 

Deswegen ist es für uns eine Reise, die niemand alleine gehen sollte, wo man sich unterstützt. Sich zu pushen, Synergien zu nutzen, sich gegenseitig Vorbild zu sein, gehört dazu, sonst knickt man ein.

 

Geld oder Vision?

Bei MLM gibt es ein fertiges Produkt, an dem ich bis zu einer Ebene weit oben im System nichts verändern kann. Was ich tun muss, um erfolgreich zu sein, ist ebenso festgefahren. Dazu soll ich möglichst Freunde und Familie mitreinziehen, bzw. Leute, die mir auf Netzwerktreffen sympathisch erschienen. Statt an ihren Geschichten, Ideen und Möglichkeiten interessiert zu sein, will ich sie in mein vorgefertigtes System reinpressen, damit es mir bessergeht. Das System funktioniert nur dann, wenn viele anderes es mir gleich, es mir nachmachen. Damit zerstöre ich unternehmerischen Erfindungsgeist, Mut und Visionen.

Wer Unternehmer des Geldes wegen wird, sollte sich lieber auf eine echt gut bezahlte Angestellten-Position hochschlafen. Dort ist er aus meiner Sicht besser aufgehoben. Unternehmer können sehr reich werden, aber das war nie ihr Ziel oder es hat sie nie wirklich glücklich gemacht. Ich habe mittlerweile einige kennenlernen dürfen, deren Konto sich fühlte, aber deren Herz immer leerer wurde. Sie verdienen jetzt einen Bruchteil, aber sie haben wieder ein Leben. Das ist Unternehmertum.

 

Schein-Einstiegstor

Na klar, lernt man bei MLM viel, über sich, wie man verkauft, wie Business läuft. Aber ich arbeite eher daran, dass man sowas in Schulen lernt oder auf bspw. meinen kostenlosen MeetUps, etc. Am Wissen sollte es nicht scheitern und es ist eher traurig, dass es für manche MLM braucht. Und wie ich schon angedeutet habe: Dass MLM das aus reiner Nächstenliebe tut, ist aus meiner Sicht reines Wunschdenken. Veranstaltungen auf dem Niveau amerikanischer Großkirchen und ein aufgepfropftes Wir-Gefühl können nicht verheimlichen: Beim Direktvertrieb geht es im Kern um ein fertiges Produkt und dass möglichst viele es verkaufen. MLM setzt dem einen drauf und bindet es an möglichst viele Neue im System. Das ist maximal Schein-Selbstständigkeit.

Mir schrieben einige, ich würde mit meinen Warnungen vor MLM anderen ihre Zukunft verbauen. Was ich aber herausgelesen habe, ist die Weiterentwicklung. Mir schrieben das übrigens nur Leute, welche heute alle kein MLM mehr betreiben. Es mag also Einstiegstor sein. Wenn mir aber alle auch schreiben, dass es Leute gibt, die an MLM scheitern, dann stelle ich die Frage um: Was kann Menschen wirklich in ihrer Entwicklung helfen, ohne dass es einen kleinen Kern immer reicher macht und viele bedroht, abzustürzen?

 

Voraussetzungen schaffen

Diese Welt braucht aus meiner Sicht nicht immer mehr MLM. Es braucht eine Grundlage für echten Unternehmensgeist. Etwa durch ein Grundeinkommen, durch neue Schwerpunkte im Bildungswesen, durch starke Netzwerke und ein ehrliches Miteinander. Ein System, in dem man sich dazu verhilft, die Ideen des anderen zu unterstützen und nicht sich selbst möglichst weit zu bringen. Na klar, kann man sich gemeinsam an einer Sache nach vorne bringen. Man kann aber auch die Pluralität leben und befördern.

Wenn ich also teile, dass MLM für mich ein Pyramiden- und Schneeballsystem ist und mir dann gesagt wird, Firmen mit klarer Chef-Struktur seien ja auch eine Pyramide, sage ich: Ja, Demokratie muss nicht am Werkstor aufhören und ein gutes Unternehmen trifft Entscheidungen auf Augenhöhe, vertraut Mitarbeitern statt sie zu knechten, unterstützt sie und hilft ihnen bei Fehlern und lässt sie ihre eigenen Ziele finden, ob nun im Betrieb oder außerhalb. Nicht nur MLM hat Hausaufgaben, aber im Gegensatz zu MLM sind die Fehler in der Realwirtschaft nicht systemimmanent. Würde man bei MLM wahre Freiheit einführen, wäre es kein MLM mehr oder es würde scheitern.

 

Nichts ist so beständig, wie die Veränderung

Wir alle haben nur ein Leben. Unser Leben. Es sind unsere Stärken und Schwächen, Ideen und Totalausfälle, Visionen und Spinnereien. Wir sind einzigartig und da draußen gibt es Menschen, die immer nach jemanden wie uns gesucht haben. Ob nun in der Liebe oder beruflich. Sich nie mit dem Ist-Stand zu begnügen und darüber hinaus sich immer einzugestehen, dass nicht der fünfte Teil einer Filmserie schön sein muss, sondern auch der erste einer ganz Neuen. Auch der Partner kann jemand sein, der einen eine Zeit begleitet und dann geht man getrennte Wege. Was ich heute will, muss morgen nicht mehr so sein. Sich dessen anzunehmen, sich ständig weiterzuentwickeln, das ist für mich wahre Erfüllung.

Und wenn das nicht die Grundlage eines Unternehmertums ist, dann ist es schlichtweg kein Unternehmertum. Dann ist es Abhängigkeit mit einem Smiley. Einem Smiley, der für viele sehr schnell sein Lächeln verlieren kann.

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